Hattler - The Big Flow

1 Waiting
2 So Low
3 Scion
4 Assalamu Alaikum
5 Mourning Son
6 Sesame
7 Didgeridoo
8 Zimt
9 Salaud
10 Believer
11 Marseille
12 The Big Flow
13 Bon Ami
14 Sugar Chat

 

release 6 / 10 /2006!

Fola Dada: Vocals
Torsten de Winkel: Guitars, E-Sitar
Oli Rubow: Drums, Electronics
Hellmut Hattler: Bass


www.hellmut-hattler.com

(Bassball Recordings / Edel Contraire, LC 09437)

Seine permanente, umtriebige Suche nach zeitgemäßen Grooves macht Hellmut Hattler zu einem der relevantesten Protagonisten der ersten deutschen Musikergarde. Auch HATTLER, die nunmehr dritte wegweisende Station nach KRAAN und TAB TWO, ist inzwischen zu einem Stück Popkultur gewachsen. Und wenn Hellmut Hattler in diesem Zusammenhang von seinem „Baby“ spricht, dann tut er das mit der Entschiedenheit des einzigen Erziehungsberechtigten. Wie ein Gesamtkunstwerk wirkt das, was er im Kollektiv mit jungen Kreativen in seiner Klangfabrik, auf Remix-Platten, DVDs, auf der Bühne oder im Internet veranstaltet.

Auf „The Big Flow“, dem ersten regulären HATTLER-Album seit drei Jahren, bekennt sich der Titelheld mit einer Vehemenz zu seinen persönlichen Vorlieben, die keine Kompromisse mehr zulässt. Dass der dritte Longplayer dermaßen direkt und aus einem Guss daherkommt, verdankt er unter anderem Neuzugang Fola Dada. Mit ihrem selbstbewussten, US-amerikanisch gefärbten Timbre umgarnt sie die schnittigen Loops und Beats atemberaubend raffiniert, verpasst ihnen wie nebenbei ihren eigenen Stempel. Im hochkomplexen elektro-analogen Gestrüpp von „Assalamu Alaikum“ fungiert sie als ruhender Pol, bei „Sesame“ taucht sie mühelos mit ab in die tiefen Sphären des wohltemperierten Fretless-Basses. Ein Instrument, dem sein Besitzer übrigens organische Qualitäten bescheinigt: „Kein Take klingt bei dem Ding wie der andere, weil jedes noch so kleine Teilchen in Handarbeit entstand“.

Hellmut Hattlers musikalisches Universum spielt sich heute weitgehend jenseits der eigenen vier Saiten ab, dort wo sich Handgemachtes mit Digitalem vermengt, wo behutsam übereinander gelegte Sequenzerfiguren einen hypnotischen Sog entfalten. Eingeschweißt in makellosem Sound-Programming wirken die livehaftig eingespielten Parts umso menschlicher, tönen die Harmoniefolgen eines Jazzers noch effizienter. Der Kunstgriff besteht darin, sich innerhalb dieses Koordinatensystems als Songwriter zu behaupten. Hellmut Hattler tut dies, indem er seine Musik auch textlich angemessen codiert. Selten ist er auf seinen Platten bisher explizit autobiografisch geworden. Er zieht es vor, seine Message elegant auf einer zweiten Ebene zu platzieren, wo sie dem Hörer nicht auf die Pelle rückt. „Die Botschaft steckt hinter einer Styroporwand, die du erstmal durchbrechen musst, wenn du sie haben willst. Aber sie lässt dich in Ruhe, wenn du einfach daran vorbeigehen willst“, erklärt Hattler seine Methode. „Mourning Son“ ist so ein Stück, dem man mit ein wenig Interpretationslust berührende Gedanken abgewinnen kann, oder aber den Vorhang einfach geschlossen lässt. Selbst dann dürfte einem jedoch die Doppeldeutigkeit des Songtitels nicht verborgen bleiben, mit dem Hattler hier eine jahrzehntelange Tradition des Wortspiels fortsetzt. Angefangen bei „Bassball“ (1977) über „Toujours Too Sure“ und „Six Sick Sikhs“ hin zu „Bass Camp“ und „Delhi News“ hat der gewitzte Kraanich auch auf Solopfaden stets sein dichtendes Spiel mit der Phonetik getrieben. Weniger bekannt ist dagegen seine Tätigkeit als Gastsänger. „Ich habe zu meinem Gesang ein sehr realistisches Verhältnis“, versichert der „Echo“-Preisträger. Dennoch mag er sich seinen vokalistischen Cameo-Auftritt in Hitchcock-Manier auf jedem neuen HATTLER-Longplayer nicht verkneifen. So ist er diesmal auf der Ballade „Believer“ zu hören, die nicht von ungefähr an alte „Tab Two“-Zeiten erinnert. Ein alter Weggefährte, der in jenen Tagen schon fleißiger Dauergast im Studio war, hat auf „The Big Flow“ wieder eine prägende Rolle eingenommen: Torsten de Winkel. Er greift bei fünf Songs in die Saiten seiner elektrischen Sitar und steuert neben Sebastian Studnitzky (Keyboard, Trompete) einige der markantesten HATTLER-Trademarks bei. Eine großartige Club-Nummer mit wunderbarem Refrain ist „Marseille“. Und das Down-Beat-lastige „So Low“ war schon vor Veröffentlichung des Albums bereits massiv auf verschiedensten Compilations vertreten.

Zweifellos ist dieser neue HATTLER so geradlinig, so massenkompatibel wie nie. Das eigentlich Erstaunliche ist aber, mit welch schierem Selbstverständnis Hellmut Hattler im Hier und Jetzt operiert. Nichts klingt aufgesetzt, es gibt kein noch so winziges Indiz für Hipness-Hascherei. Der Mann zieht einfach nur sein persönliches musikalisches Ding durch - mit einer Gelassenheit und Coolness, die manchem aktuellen Hitfabrikanten die Neidblässe ins Gesicht treiben dürfte.
Christian Oita

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